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QUEENSRŸCHE: Michael Wilton und das dritte Konzeptalbum

Christof Leim | 06.04.2009

In Sachen Konzeptalben führt im Metal kein Weg an Queensrÿche vorbei. Die Klugmetaller aus Seattle schufen mit 'Operation: Mindcrime' (1986) das Referenzwerk des Genres. Jetzt legen sie wieder eine thematisch zusammenhängende Platte vor: 'American Soldier' erzählt die Geschichte des Krieges aus der Sicht der Soldaten. Musikalisch führen Queensrÿche dabei den umstrittenen Weg der vergangenen Dekade fort, bringen aber wieder ein wenig der früheren Finesse ein. Was daran liegen könnte, dass Michael Wilton alle Gitarren alleine einspielte.

Michael, zum ersten Mal hören wir dich als einzigen Gitarristen auf einem Queensrÿche-Album. Wie kommt das?

Mike Stone hat die Band verlassen. Wir waren uns einig, dass diese Platte so viel wie möglich vom originalen Queensrÿche-Sound haben sollte. Also wurde ich [als Urmitglied] gefragt, ob ich alle Gitarrenparts und Harmonien übernehme könne…

Der einzige Gitarrist zu sein, bietet Vor- und Nachteile. Bist du glücklich damit?

Unser Produzent Kelly Gray ist selbst ein ausgebildeter Gitarrist [und spielte sogar ein paar Jahre bei Queensrÿche], also konnte ich ihm viele meiner Ideen an den Kopf werfen. Seine Ansichten halfen ungemein. Man könnte also durchaus sagen, dass ich besser mit einem weiteren Gitarristen arbeiten kann. Das gilt wohl für die meisten, denn eine zweite Person kann einen antreiben und auf Kurs halten. Bei 'American Soldier' bot sich mir das Beste beider Ansätze: Ich spielte zwar sämtliche Gitarren selber ein, doch mir stand aber ein Produzent zur Seite, der selbst ein guter Instrumentalist ist.

Warum hat Kelly Gray nicht mitgespielt? Oder Jason Slater, der an 'Operation: Mindcrime II' beteiligt war und zusammen mit eurem Sänger Geoff Tate fast alle neuen Songs komponierte?

Wir wollten alle einen echten Queensrÿche-Sound, insbesondere bei den Gitarren. Wir wollten keine Einflüsse von außen. Vermutlich kommt mein Stil dem am nächsten, und alle sind recht zufrieden mit dem Ergebnis.

Allerdings hast du keine Songs für 'American Soldier' beigesteuert, Slater und Grey jedoch schon, immer in Zusammenarbeit mit Geoff Tate.

Es gab einen Haufen Demos, die als Paket präsentiert wurden. Ich habe alle Gitarrenparts und alle Melodien nach Gutdünken umgeschrieben, allerdings ohne die Struktur des Songs zu ändern - und das Verlagswesen funktioniert nun mal so, dass mir dann kein Songwriting-Credit zusteht.

Würdest du das Songwriting auf der Platte als typisch für die Band bezeichnen?

Was ich mit dem Queensrÿche-Sound meinte: Früher haben Chris [DeGarmo, 1997 ausgestiegener Gitarrist] und ich die Parts geschrieben und dazu Gegenmelodien, um das gesamte Spektrum mit verschieden klingenden Gitarren auszufüllen, die sich ergänzen. Und genau das haben wir mit dieser Platte auch getan. Das bedeutet, dass es für einen Song manchmal acht verschiedene Gitarrenspuren gibt, die mit unterschiedlichen Sounds übereinander liegen. Meines Erachtens verleiht das der Musik Tiefe - im Gegensatz zu der Aufteilung "Stereo-Links-Rechts und Solo" wie auf den letzten Alben. Allerdings hört man das nicht immer deutlich. Deshalb lohnt es sich, Kopfhörer aufzusetzen.

Wie ersetzt ihr Mike Stone?

Vor den Proben zur Tour hatte ich sechs Wochen Zeit, um einen neuen Gitarristen zu finden, der rechtzeitig 40 Songs lernen kann. Ich rief meinen Freund Jeff Loomis von Nevermore an, der begeistert reagierte, aber zugeben musste, dass er die Songs zwar gehört, aber noch nie gespielt hatte. Das ging mit vielen Leuten so, etwa mit Glen Drover von [ehemals] Megadeth. In der Soloband von Geoff spielt ein junger Kerl namens Parker Lundgren, quasi ein Queensrÿche-Schützling, der den Kram mit Hilfe von YouTube und Tabs aus dem Netz gelernt hatte. Mit ihm war es in der Kürze der Zeit am einfachsten. Er spielt die grundlegenden Parts und ich sämtliche Soli, abgesehen von den Harmonien, die ich ihm zeigen musste. Für mich bedeutete das viel weniger Aufwand, als jemandem alle Stücke beizubringen.

Also spielst du auch die Soli von Chris DeGarmo?

Ja, das tue ich schon eine ganze Weile. In Doppelsoli behalte ich aber meist meine Stimme.

Parker Lundgren enthielt den Vorzug gegenüber erfahreneren Musikern deshalb, weil er den Kram schon gelernt hatte?

Genau.

Was trägt Parker zum Sound bei?

Erst ist noch jung, also hörte er zu, also ich ihm sagte, er solle alle Parts originalgetreu wie auf den Platten spielen, ohne seinen eigenen Stil einfließen zu lassen. Er besitzt kein aufgeblasenes Ego und tut, was gut für die Band ist. Er ist quasi neutral.

Wie hat sich dein Spiel gewandelt, seit du in Parkers Alter warst?

Ich sehe mich selbst nicht als einen vollendeten Instrumentalisten, ich suche immer nach neuer Inspiration. Als Gitarrist bin ich quasi noch in Arbeit. Allerdings verstehe ich heute mehr von Sound und klanglichen Strukturen, ich weiß genau, wie die Gitarre im Mix und live funktioniert. Das folgt definitiv aus Erfahrung: Man merkt es vielleicht nicht, aber wenn jemand Neues hinzustößt wie bei uns gerade, dann fällt doch auf, dass man weiß, wo es langgeht.

'American Soldier' ist euer drittes Konzeptalbum. Es betrachtet den Krieg durch die Augen der Soldaten und nutzt dazu Originalaussagen der Beteiligten. Fühlst du dich bei der Arbeit an solchen Werken von der Geschichte dahinter eingeschränkt?

Nein, das ist alles nur eine Blaupause. Ein Beispiel: Zum Song "At 30.000 Feet" unterhielt ich mich mit Geoff darüber, wie losgelöst vom Geschehen sich jemand vorkommt, der in einem Flugzeug sitzt und gleich eine Bombe fallen lässt. Daraufhin versuchte ich mir vorzustellen, quasi leblos in der Luft zu sein. Das klingt dann im Doppelsolo an, das ich für die Nummer schrieb. Man bekommt also einen filmischeren Blick auf die Songs.

Christof Leim

Steckbrief:

Band:

Queensrÿche

Gitarrist:

Michael Wilton

Gitarren:

Gibson Flying V, ESP Michael Wilton Skull Signature, ESP Ron Wood Tele, Edwards Flying V, Edwards Eric Clapton Strat, ESP VB-300 Baritone mit Seymour Duncan Blackout-Pickups, Alvarez Yiari 12-String Acoustic, Taylor 710 Acoustic

Amps:

Hughes & Kettner Triamp und Wizard-4x12"-Boxen mit Vintage-30ies, Marshall 2555 Jubilee und Wizard-4x12"-Boxen mit 25 Watt-Greenbacks, Marshall JCM 800 50 Watt und 100 Watt und Marshall-4x12"-Boxen mit 70 Watt-Lautsprechern, Fender Twin Reverb, Bluesbreaker Combo

Effekte:

Hughes & Kettner Rotosphere, Wah-Wahs von Clyde, Vox und Dunlop

Weblink: www.queensryche.com

Biografie:

Queensrÿche galten seit ihren Anfängen 1981 als Metaller für kluge Köpfe. Auf den ersten Alben klangen ihre klassischen Metal-Vorbilder noch stark durch, mit dem monumentalen Konzeptwerk 'Operation: Mindcrime' (1988) wurden sie episch und gleichzeitig eingängig (außerdem richtig erfolgreich), bevor sie mit 'Empire' (1990) eine Brücke zwischen Pink Floyd und Iron Maiden schufen. Die Neunziger startete der Fünfer aus Seattle mit zwei reduzierten, vergleichsweise rockigen und deshalb umstrittenen Alben, doch ins Schlingern geriet die Band vor allem durch den Ausstieg von Gitarrist und Kreativkopf Chris DeGarmo 1997: Die folgenden Alben ließen trotz hoher musikalischer Leistung die Schärfe und Finesse, vor allem aber das unglaubliche Songwriting vergangener Tage vermissen, und selbst 'Operation: Mindcrime II' konnte hier nur wenig Boden gut machen. Mit 'American Soldier' legen die im Studio auf Quartettgröße geschrumpften Amerikaner nun ein weiteres Konzeptalbum vor, diesmal über authentische Erlebnisse von Soldaten.

Das Album:

Das Konzeptalbum 'American Solider' klingt wieder mehr nach Queensrÿche als die Werke der letzten Jahre, was daran liegen könnte, dass Urmitglied Michael Wilton alle Gitarren eingespielt hat (obwohl auf Wikipedia Gegenteiliges steht). Trotzdem sollte niemand eine Rückkehr in die Achtziger zu 'Operation: Mindcrime' erwarten, denn das neue Werk bietet zwar die typischen Merkmale, und zwar von früher bis heute, aber keinesfalls blutdrucksteigernden Prog Metal. Fast alle Songs bewegen sich in mittlerem Tempo, werden dominiert von Sänger Geoff Tate und bieten vor allem Atmosphäre, Melodien und kluge Arrangements, die sich erst nach einigen Runden erschließen. Mit anderen Worten: Kann man auch im Sitzen genießen, ist aber kein Klassiker

Hörtipps: "Unafraid", "At 30,000 Ft."


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